Selbstverteidigung mit der Schusswaffe
2006 von Gerald Anderka
Teil 1
Grundlagen
Wer seine Schusswaffen zur Selbstverteidigung bereithalten oder führen will, sollte sich zuerst die Voraussetzungen einer solchen Selbstverteidigung sehr deutlich bewusst machen. Dieser Artikel wird die große Verantwortung verdeutlichen, welche man als Waffenbesitzer, bzw. Waffenträger ganz speziell dann übernimmt, wenn man seine Waffe im Notfall dazu verwenden will, das Leben anderer sowie auch das eigene zu schützen.
Waffenbesitz alleine setzt bereits ein hohes Maß an Verantwortungsbewusstsein voraus, die Bereitschaft zur Selbstverteidigung mit der Schusswaffe erweitert diese Verantwortung um ein Vielfaches. Leider reicht es nicht aus, die wichtigsten Notwehrparagraphen zu kennen und eine Schusswaffe zu besitzen, man muss mit der gewählten Waffe auch so umgehen können, dass man weder zur Gefahr für seine Umwelt, noch zur Gefahr für sich selbst wird.
Dies setzt voraus, dass der Waffenbesitzer den Umgang mit der Waffe gewissenhaft übt, und zwar nicht nur im Bereich des sportlichen Schießens und der allgemeinen Sicherheitsregeln (lesen sie dazu einen weiteren Artikel auf unserer Homepage), sondern vor allem den sicheren Umgang mit der Waffe unter psychischem und physischem Stress. Ebenso muss der Waffenbesitzer sich bewusst werden, dass eine Schusswaffe kein Allheilmittel zur Bewältigung von Bedrohungssituation ist. Im Gegenteil, Schusswaffen sind in der Regel das denkbar schlechteste Mittel, denn sie sind ein finales und tödliches Mittel, ihr Einsatz hat immer unangenehme Konsequenzen für alle Beteiligten.
Durch Unwissenheit und mangelnde Vertrautheit mit dem Thema, bildeten sich um das Thema „Selbstverteidigung mit Schusswaffen“ einige Mythen, welche es auszuräumen gilt:
Mythos Nr. 1 ist noch immer der bedingungslose Glaube an die Allmacht und Wirkung diverser Faustfeuerwaffenkaliber und der Glaube, dass eine Schusswaffe nahezu jede Bedrohung in Luft auflöst. Fakt ist jedoch, wie oben bereits angesprochen, dass die Faustfeuerwaffe meist das denkbar schlechteste Mittel zur Auflösung einer Bedrohung ist.
Neben den oben angedeuteten „Nebenwirkungen“ gibt es noch andere, technische Mängel.
Die meisten Kurzwaffenkaliber sind in ihrer Wirkung einfach nicht stark genug, um einen Angriff in ausreichend kurzer Zeit schlagartig zu beenden. Faustfeuerwaffen sind in der Regel in Stresssituationen schwer zu bedienen. Nicht zuletzt neigt der Schütze zu Fehlern, sofern er nicht ausreichend trainiert ist.
Die einzigen Vorteile von Faustfeuerwaffen sind, dass sie sich verdeckt führen lassen, sowie
dass sie meistens verfügbar, bzw. in Griffweite sind. Langwaffen sind in ihrer Wirkung meist viel stärker und daher besser geeignet, aber wer hat schon das geladene Sturm- oder Jagdgewehr bei der Hand? Wir leben ja glücklicherweise in einer Gesellschaft, in der wir Überfälle oder Belagerungen marodierender Banden nicht zu fürchten brauchen.
Dass Faustfeuerwaffenkaliber tödlich wirken, wird niemand abstreiten. Gleichzeitig sind sie es jedoch auch nicht. Hier liegt kein Widerspruch vor, denn es ist nie das Kaliber welches tötet, sondern immer nur eine einzige Kugel. Ob die tödliche Kugel bereits beim ersten Schuss, oder beim letzten abgegeben wird, weiß der Schütze im Voraus nie.
Um einem lebensbedrohenden Angriff wirksam zu begegnen, bedarf es keiner Lehrbuchweisheiten oder Faustregeln, und schon gar nicht eines enorm wirkungsvollen Kalibers. Es gibt keine Allheilmittel und keine Garantien für solche Bedrohungssituationen, es gibt lediglich Werkzeuge und Methoden, welche die Wahrscheinlichkeit, einen Angriff zu überleben, erhöhen. Zu den Werkzeugen gehören nun einmal unserer Faustfeuerwaffen, vorausgesetzt man hat die Methoden diese wirkungsvoll einzusetzen erlernt und ausreichend trainiert.
Einem weiteren Mythos vertrauend glauben viele Schützen, einen Angriff mit einem einzigen Schuss stoppen zu können. Von Glückstreffern einmal abgesehen, bewegen wir uns mit diesem Aberglauben fernab jeder Realität. Wir alle kennen die Berichte aus Kriegen oder von Polizeieinsätzen, wo eigentlich bereits tödlich getroffene Gegner noch minutenlang umherliefen und oft noch andere Menschen mit in den Tod nahmen. Auch unter Jägern ist dieses Phänomen allbekannt. In der Praxis ist es daher nötig, den Angreifer wirkungsvoll - das heißt sofort und unmittelbar - am Fortsetzen seines Angriffes zu hindern. Wie wird dies bewerkstelligt?
Noch einmal: Hierfür gibt es keine Patentrezepte! Folglich muss der Schütze, wenn er sich einmal für die Verwendung der Schusswaffe entschieden hat, eben alles tun um die Wahrscheinlichkeit einer sofortigen Beendigung des Angriffs zu erhöhen. In anderen Worten: Der sich verteidigenden Schützen muss den Angreifer in der schnellstmöglichen Zeit derart schwer verletzen, dass dessen Gehirn und Körper schlagartig nicht mehr dazu in der Lage sind, den Angriff fortzusetzen. Diese Wahrscheinlichkeit wird beispielsweise durch die richtige Schießtechnik und die richtige Munitionswahl erhöht.
Für die Selbstverteidigung verwendet der Schütze am Besten ausreichend penetrierende Deformationsmunition. Diese soll die Kleidung des Angreifers ohne Verformung oder Fragmentierung durchdringen, danach aber tief genug in seinen Körper eindringen, um Wirkung zu zeigen und den Angriff sofort zu beenden. Deformationsgeschosse geben beim Aufprall durch Vergrößern ihres Querschnittes mehr Energie an das Zielmedium ab als beispielsweise herkömmliche Vollmantelgeschosse. Dieses Mehr an Energieabgabe erhöht in Folge die Wahrscheinlichkeit einer größeren Gewebszerstörung und in weiterer Folge die Wahrscheinlichkeit, dass der Treffer den Angriff zu beendet.
Darüber hinaus verhindert der Einsatz von Deformationsgeschossen meistens Durchschüsse, auch Querschläger werden vermindert. Solche Munitionsarten verhindern ein Taumeln der Geschosse im Körper des Angreifers, die anschließende Wundversorgung und Bergung der Projektile gestaltet sich für Mediziner wesentlich einfacher als bei herkömmlicher Vollmantelmunition.
Die meisten Geschosse beginnen ihre Deformationsphase bereits beim Eindringen in die Kleidung. Deformiert ein Geschoss aber zu früh, gibt es auch seine Energie zu früh an das Zielmedium ab und kann daher nicht ausreichend tief eindringen. Umgekehrt: Deformiert es zu spät oder gar nicht, gibt es ebenfalls zu wenig Energie an das Zielmedium ab und verliert daher einen großen Teil seiner unmittelbaren Wirkung.
Mittlerweile gibt es im Bereich der Deformationsgeschosse ein nahezu unüberschaubares Angebot, folglich kann hier nur eine begrenzte Auswahl der Produkte beschrieben werden: Magtech’s „First Defense“ sowie Federal’s EFMJ (Expanding Full Metal Jacket) beispielsweise bieten beide Fähigkeiten ausreichend an. Beide sind in Österreich legal erhältlich, was für andere Marken nicht zutrifft: In Österreich gilt ein Verbot von Teilmantel-Hohlspitzmunition für Faustfeuerwaffen.
Viele am internationalen Markt angebotenen Geschosse neigen auch zur Überpenetration, oder deformieren sich umgekehrt überhaupt nicht (bzw. unzureichend), da sich die Holspitze mit Kleidungsmaterial anfüllt. Erst Munition ab Kaliber 9mm Luger bietet die minimalen Voraussetzungen für die notwendige Wirkung. Kaliber wie .40S&W, .357SIG, oder .45ACP stellen den Standard dar. Nur Munition dieser Kaliber ist ausreichend stark, um den gewünschten Effekt herbeizuführen.
Bei der Munitionswahl muss auch bedacht werden, dass Geschosse auch manchmal durch Deckungen wie Wohnungstüren, oder Autotüren dringen müssen und dabei möglichst geringe Deformation aufweisen sollen. Zwar steht außer Frage, dass auch gut platzierte Treffer mit Voll- oder Teilmantelgeschossen einen Angreifer stoppen können, aber es geht uns um die Erhöhung der Wahrscheinlichkeit der Stoppwirkung im Allgemeinen und die Umfeldsicherheit im Besonderen. Beides wird durch die richtige Munition erhöht.
* * *
Wenden wir unser Augenmerk nun den Schießtechniken zu:
Wie weiter oben bereits angemerkt, blüht in Amerika seit längerer Zeit bereits ein riesiger Markt zum Thema Schießausbildung. Als Folge kommen die Innovationen und Standards zum Thema größtenteils von diesem Erdteil. Das einhändige Schießen aus der Hüfte, wie es beim F.B.I. in den 30er und 40er Jahren propagiert wurde, wurde schon lange durch neue Techniken abgelöst. Die meisten modernen Techniken wurden aus dem dynamischen Schießen (IPSC, IDPA) abgeleitet. Selbst der aus den 1950er Jahren stammende so genannte „Weaver Stance“ („Stance“ ist englisch für „Haltung“, „Weaver“ ist der Name jenes Polizeibeamten, der diese Schießhaltung entwickelt hat) hat unter den führenden Polizei- und Armeeausbildern nahezu ausgedient. Die neuesten Methoden orientieren sich an jenen Schießhaltungen, welche der Schütze unter Stress automatisch einnimmt, gleichgültig was er gelernt hat. Nach zahlreichen Studien ist man zum Schluss gekommen, Systeme zu lehren, die auf Verhaltensmustern basieren welchen der Mensch unter Stressbedingungen folgt. Weiters lehrt man heute Schießtechniken, die das Entwinden der Waffe verhindern sollen (Retention Techniken).
Eine dieser neuen Schießhaltungen nennt sich „Isosceles“, also gleichschenkelig. Diese Art des Schießens hat sich aus dem IPSC entwickelt. Im Gegensatz zum „Weaver Stance“, welcher asymmetrisch ist, wird beim Isosceles zwischen Waffe und Schultergelenken ein gleichschenkeliges Dreieck gebildet. Die Arme sind dabei nicht völlig ausgestreckt, sondern an den Ellenbogen leicht eingeknickt, was einer lockeren, flexiblen Haltung entgegen kommt. So kann der Rückstoßimpuls der Waffe besser abgeleitet werden und die Waffe liegt insgesamt ruhiger im Schuss, speziell bei schnellen Schussfolgen.
Die Waffenhand hält den Waffengriff so, dass der Druck vorne und hinten auf das Griffstück ausgeübt wird. Die zweite Hand umschließt die Waffenhand dergestalt, dass sie die Lücke am Waffengriff vollständig ausfüllt, der Druck wirkt von den Seiten.
60% des Druckes sollten von der „schwachen“ (= zweiten) Hand, 40% von der starken Hand kommen. Dadurch wird die Schusshand entlastet und der Abzugsfinger kann sich schneller bewegen, da er nicht vom Gesamtdruck der restlichen Finger behindert wird.
Dabei wird soviel wie möglich vom Griffstück erfasst, beide Daumen zeigen in Schussrichtung. Der Zeigefinger der schwachen Hand hat am Abzugsbügel nichts verloren, sondern bildet mit den anderen Fingern eine Griffeinheit. Mit dieser Greiftechnik erzielt der Schütze eine sehr stabile Fixierung der Waffe, was dem Springen der Waffe in schnellen Serien positiv entgegenwirkt (lesen sie dazu auch den Artikel „Sicherheitsregeln“ mit vielen Bildern zum Thema).
Für die meisten Schützen am Schwierigsten zu erlernen ist die so genannte „Triggercontrol“. Fälschlicherweise wird der Abzug von Vielen nach hinten gerissen, die Waffe dabei aus der Visierlinie gebracht. Tiefschüsse sind die Folge. Während dieses Problem bei hochfrisierten Sportwaffen mit ihren meist sehr leichtgängigen Single Action Abzügen kaum auftritt, reagieren Selbstverteidigungswaffen mit Abzugssystemen ähnlich der Pistolen von Glock sehr empfindlich auf diesen Fehler. Um ihn zu vermeiden ist es notwendig, den Abzug in einer gleichmäßigen Bewegung nach hinten zu bringen, ähnlich der Bewegung zum Schließen eines Reißverschlusses. Nach dem ersten Schuss wird der Abzug aber nur noch bis zum Reset-Punkt nach vorn bewegt (was sich z.B. bei Glock Pistolen durch ein hör- und spürbares Klicken bemerkbar macht) und dann wieder ausgelöst. Das verkürzt den kompletten Abzugsweg drastisch. Vereint der Schütze diesen Bewegungsablauf mit dem Repetierzyklus seiner Waffe, kann er immer dann abziehen, wenn der Schlitten wieder geschlossen und das Korn wieder im Ziel ist. Ausreichendes Training vorausgesetzt, wird es dem Schützen durch diese Technik möglich, auf eine Distanz von rund vier Metern etwa sieben Schüsse innerhalb von eineinhalb Sekunden in einer etwa faustgroßen Gruppe unterzubringen.
Ein bedeutender Faktor ist der Stress in Notwehr-Situationen. In allen denkbaren Bedrohungsszenarien steht der Angegriffene schlagartig unter enormen Stress. In seinem Gehirn wird durch die Ausschüttung von Stresshormonen (z.B. Noradrenalin) plötzlich die Ratio abgeschaltet, alle Reaktionen werden vom Stammhirn aus gesteuert. Als Folge lässt die Fähigkeit unsere Feinmotorik zu beherrschen extrem nach, wir werden zu Grobmotorikern. Gleichzeitig ist angelerntes Wissen plötzlich aus dem Gedächtnis verschwunden (Vergleichbar mit dem typischen Prüfungs-Black-out). Tätigkeiten wie das Auffinden des Magazinlöseknopfes, oder eines Schlittenfanghebels, werden zur schier unüberwindlichen Hürde, die Notrufnummer der Polizei ist vergessen, das Versperren von Türen und andere vergleichbar banale Tätigkeiten fallen außerordentlich schwer.
Dem kann durch ausreichendes Training entgegengewirkt werden. Eine Faustregel besagt, dass eine bestimmte Tätigkeit etwa eintausend mal wiederholt werden muss, um auch über das Stammhirn (Muskelgedächtnis) abrufbar zu sein. Dazu muss man die Handhabung seiner Waffe auf Grobmotorik umprogrammieren. Beispielsweise sollte beim Nachladen aus dem offenen Verschluss selbiger nie über den Schlittenfanghebel, sondern mit der schwachen Hand durch eine kräftige Bewegung geschlossen werden. Im Wettkampf mag es Zeitvorteile bringen den Verschluss per Hebel zu schließen, aber in Stresssituation kommt es vor, dass der Schütze diese feinmotorische Tätigkeit nicht korrekt ausführen kann.
Hinzu kommt ausreichendes Training in Stressbewältigung, welches den Umgang sowohl mit physischem als auch mit psychischem Stress zu beinhalten hat. Zwar kann es niemals gelingen alle Stressfaktoren zu beherrschen, aber regelmäßiges Training ermöglicht die Minderung und Beherrschung ihrer Wirkung.
Allem voran jedoch muss die Fähigkeit erlernt werden, die Waffe bei schnellen Schussfolgen zu beherrschen. Selbst erstklassige Sportschützen sind es zumeist nicht gewohnt derart zu schießen, da ihre Hauptdisziplinen und somit auch ihr Training auf statisches Schießen ausgelegt sind. Einzige Ausnahme bilden die Disziplinen IPSC und IDPA, wobei aber speziell IPSC praxisfernes taktisches Verhalten fördert und sich zumeist auf festgelegte Schusszahlen pro Scheibe festlegt (Dublettenschützen). Im IDPA liegt das Hauptaugenmerk auf dem taktisch richtigen Verhalten, aber auch hier wird immer mehr versportlicht, was in realen Situationen zu tödlichem Fehlverhalten führen kann. Als Grundübung für den realen Schusswaffeneinsatz sind jedoch beide Disziplinen ausreichend gut geeignet.
Wie bereits eingangs erwähnt: Kann man einer realen Bedrohungssituation nur noch durch den Einsatz einer Schusswaffe wirkungsvoll begegnen, erfordert dies die Bereitschaft und den Willen, seinen Gegner derart stark zu verwunden, dass dieser seinen Angriff nicht mehr fortsetzen kann. „Political Correctness“ ist nett, in solchen Situationen aber der vermutlich letzte Fehler, den der Verteidiger in diesem Leben machen kann. Ein bekannter, amerikanischer Experte auf dem Gebiet der Selbstverteidigung drückt es wie folgt aus: „Shoot ´em to the ground...“ Auf Deutsch: „Schieß so lange, bis die Bedrohung nicht mehr existiert“.
Vom Standpunkt der Schießtechnik bedeute das, der Schütze muss im Stande sein, eine unbestimmte Anzahl Projektile (durchschnittlich 5-7 Stück), in kürzest möglicher Zeit in einem möglichst kleinem Zielbereich zu platzieren. Dazu soll er über Entfernungen von bis zu 7 Metern fähig sein. Die durchschnittliche Distanz bei realen Schusswaffeneinsätzen liegt zwischen 0 – 7 Metern, wobei der Großteil jedoch auf Entfernungen unter 3 Metern stattfindet.
Die genannten Gründe sind bei der Wahl einer Verteidigungswaffe zu berücksichtigen. Wer seine Waffe in Notfällen zur Selbstverteidigung benutzen will muss darauf achten, dass er die spezifischen Eigenschaften des Typs sowie das Kaliber auch unter schlechten Bedingungen wie Stress, schlechten Lichtverhältnissen und dergleichen ausreichend gut beherrschen kann. Gelingt es einem Schützen beispielsweise nicht, mit einer Waffe vom Kalibers 10mm Auto eine befriedigend kleine Schussgruppe in kurzer Zeit auf der Zielscheibe unterzubringen, sollte er auf das nächstschwächere Kaliber, wie z.B. .45ACP, .40S&W oder 9mm Luger ausweichen. Das stärkste Kaliber ist nutzlos, wenn man damit nicht fähig ist sein Ziel zu treffen. Sehr gut zum Training eignen sich neutrale Zielscheiben mit angedeuteten Wirkungszonen (IDPA Standard-Target). Noch besser ist es, deren Wirkungszonen mit alten T-Shirts oder vergleichbaren Kleidungsstücken zu verhängen, um ein „Einschießen“ auf diese Zonen zu vermeiden.
* * *
Ziel bei der Selbstverteidigung in einer Notwehrsituation ist es, lebenswichtige Organe des Angreifers zu verletzen. Das klingt blutrünstig, ist aber eine sowohl medizinisch als auch taktisch begründbare Notwendigkeit. Herz, Hauptarterien, Lunge oder Stammhirn sind beispielsweise Organe die der Angreifer benötigt um seine Attacke fortzusetzen. Ein Treffer im Stammhirn (von wo aus die Motorik gesteuert und an das Rückenmark weitergegeben wird) bedeutet zwar eine sofortige Beendigung des Angriffes, ist aber in Stress-Situationen sehr schwer anzubringen und endet auch unweigerlich mit dem Tod des Angreifers. Der menschliche Oberkörper bietet ein weitaus leichter zu treffendes Ziel. Der angestrebte Trefferbereich befindet sich in jenem Dreieck, welches aus den Brustwarzen und dem Kehlkopf des menschlichen Körpers gebildet wird.
Eine weit verbreitete Technik stellt in diesem Zusammenhang der so genannte „Mozambique Drill“ dar. John Rosseau, ein Schüler und Freund des bekannten Selbstverteidigungs-Trainers Jeff Cooper, entwickelte diese Technik aus seinen persönlichen Erfahrungen. Als er in Mozambique von einem Guerilla mit Sturmgewehr und aufgepflanztem Bajonett angegriffen wurde, stellte er nach einer Dublette in die Brust des Angreifers fest, dass diese Treffer keine Wirkung zeigten. Daraufhin durchschoss er dem Angreifer die Halswirbelsäule. Zwar wurde diese Technik zunächst durch Jeff Cooper propagiert, nach heutigen Erkenntnissen bedeutet sie für den Verteidiger aber eher eine Gefahr, denn ein Mittel zur ihrer Beseitigung. Der Schütze, der den Drill übt, eignet sich einen fatalen Fehler an. Er senkt die Waffe nach einer Dublette in die Brust des Gegners kurz ab um die Situation neu zu beurteilen. Diese Verzögerung hat schon mehrere Menschen das Leben gekostet, da sie vom Angreifer zur Erwiderung des Feuers genutzt wurde. Wesentlich wirkungsvoller ist es zu schießen, bis die Bedrohung neutralisiert ist. Dies mag sich zwar in manchen Notwehrsituationen negativ auf eine eventuell stattfindende, gerichtliche Nachuntersuchung auswirken, aber es rettet unter Umständen das Leben des Angegriffenen.
Womit wir zuletzt beim wichtigsten Aspekt des Themas „Selbstverteidigung mit der Schusswaffe“ angekommen sind, dem so genannten „Mindset“ (Mentalität, Denkweise).
Die meisten führenden US-Trainer betrachten es als das Fundament, auf welchem sich der Selbstverteidigungsgedanke aufbaut. Ohne die geeignete Denkweise werden alle anderen Aspekte (Taktik, Equipment und Fähigkeiten) nahezu wirkungslos. Jemand der sich dazu entscheidet eine Waffe zur Selbstverteidigung bereitzuhalten, muss auch dazu entschlossen sein, sie im Ernstfall so wie beschrieben einzusetzen.
Zum Mindset gehören aber noch andere Elemente wie beispielsweise eine gewisse ständige Aufmerksamkeit seiner Umgebung gegenüber, oder auch vorausschauendes Denken und Handeln. Wenn man immer mit nahezu allen Möglichkeiten rechnet, sich zu nahezu jeder Möglichkeit einen Plan zurechtlegt, ist man vor Überraschungen weitgehend sicher.
Für eine detaillierte Behandlung des Themenkomplexes „Mindset“ reicht der Rahmen dieses Artikels leider ebenso wenig wie zur Beschreibung des wahrlich unerschöpflichen Themas „Taktik“. Beide werden in zukünftigen Artikeln dieser Reihe erklärt werden.
In den von LUNA angebotenen Selbstverteidigungs-Trainings wird all dies detailliert besprochen, diskutiert und trainiert, ebenso die rechtlichen Aspekte des Themas Notwehr.
Ende des 1. Teils, keep it save.
weiter zu Teil 2
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Selbstverteidigung mit der Schusswaffe
2006 von Gerald Anderka
Teil 1
Grundlagen
Wer seine Schusswaffen zur Selbstverteidigung bereithalten oder führen will, sollte sich zuerst die Voraussetzungen einer solchen Selbstverteidigung sehr deutlich bewusst machen. Dieser Artikel wird die große Verantwortung verdeutlichen, welche man als Waffenbesitzer, bzw. Waffenträger ganz speziell dann übernimmt, wenn man seine Waffe im Notfall dazu verwenden will, das Leben anderer sowie auch das eigene zu schützen.
Waffenbesitz alleine setzt bereits ein hohes Maß an Verantwortungsbewusstsein voraus, die Bereitschaft zur Selbstverteidigung mit der Schusswaffe erweitert diese Verantwortung um ein Vielfaches. Leider reicht es nicht aus, die wichtigsten Notwehrparagraphen zu kennen und eine Schusswaffe zu besitzen, man muss mit der gewählten Waffe auch so umgehen können, dass man weder zur Gefahr für seine Umwelt, noch zur Gefahr für sich selbst wird.
Dies setzt voraus, dass der Waffenbesitzer den Umgang mit der Waffe gewissenhaft übt, und zwar nicht nur im Bereich des sportlichen Schießens und der allgemeinen Sicherheitsregeln (lesen sie dazu einen weiteren Artikel auf unserer Homepage), sondern vor allem den sicheren Umgang mit der Waffe unter psychischem und physischem Stress. Ebenso muss der Waffenbesitzer sich bewusst werden, dass eine Schusswaffe kein Allheilmittel zur Bewältigung von Bedrohungssituation ist. Im Gegenteil, Schusswaffen sind in der Regel das denkbar schlechteste Mittel, denn sie sind ein finales und tödliches Mittel, ihr Einsatz hat immer unangenehme Konsequenzen für alle Beteiligten.
Durch Unwissenheit und mangelnde Vertrautheit mit dem Thema, bildeten sich um das Thema „Selbstverteidigung mit Schusswaffen“ einige Mythen, welche es auszuräumen gilt:
Mythos Nr. 1 ist noch immer der bedingungslose Glaube an die Allmacht und Wirkung diverser Faustfeuerwaffenkaliber und der Glaube, dass eine Schusswaffe nahezu jede Bedrohung in Luft auflöst. Fakt ist jedoch, wie oben bereits angesprochen, dass die Faustfeuerwaffe meist das denkbar schlechteste Mittel zur Auflösung einer Bedrohung ist.
Neben den oben angedeuteten „Nebenwirkungen“ gibt es noch andere, technische Mängel.
Die meisten Kurzwaffenkaliber sind in ihrer Wirkung einfach nicht stark genug, um einen Angriff in ausreichend kurzer Zeit schlagartig zu beenden. Faustfeuerwaffen sind in der Regel in Stresssituationen schwer zu bedienen. Nicht zuletzt neigt der Schütze zu Fehlern, sofern er nicht ausreichend trainiert ist.
Die einzigen Vorteile von Faustfeuerwaffen sind, dass sie sich verdeckt führen lassen, sowie
dass sie meistens verfügbar, bzw. in Griffweite sind. Langwaffen sind in ihrer Wirkung meist viel stärker und daher besser geeignet, aber wer hat schon das geladene Sturm- oder Jagdgewehr bei der Hand? Wir leben ja glücklicherweise in einer Gesellschaft, in der wir Überfälle oder Belagerungen marodierender Banden nicht zu fürchten brauchen.
Dass Faustfeuerwaffenkaliber tödlich wirken, wird niemand abstreiten. Gleichzeitig sind sie es jedoch auch nicht. Hier liegt kein Widerspruch vor, denn es ist nie das Kaliber welches tötet, sondern immer nur eine einzige Kugel. Ob die tödliche Kugel bereits beim ersten Schuss, oder beim letzten abgegeben wird, weiß der Schütze im Voraus nie.
Um einem lebensbedrohenden Angriff wirksam zu begegnen, bedarf es keiner Lehrbuchweisheiten oder Faustregeln, und schon gar nicht eines enorm wirkungsvollen Kalibers. Es gibt keine Allheilmittel und keine Garantien für solche Bedrohungssituationen, es gibt lediglich Werkzeuge und Methoden, welche die Wahrscheinlichkeit, einen Angriff zu überleben, erhöhen. Zu den Werkzeugen gehören nun einmal unserer Faustfeuerwaffen, vorausgesetzt man hat die Methoden diese wirkungsvoll einzusetzen erlernt und ausreichend trainiert.
Einem weiteren Mythos vertrauend glauben viele Schützen, einen Angriff mit einem einzigen Schuss stoppen zu können. Von Glückstreffern einmal abgesehen, bewegen wir uns mit diesem Aberglauben fernab jeder Realität. Wir alle kennen die Berichte aus Kriegen oder von Polizeieinsätzen, wo eigentlich bereits tödlich getroffene Gegner noch minutenlang umherliefen und oft noch andere Menschen mit in den Tod nahmen. Auch unter Jägern ist dieses Phänomen allbekannt. In der Praxis ist es daher nötig, den Angreifer wirkungsvoll - das heißt sofort und unmittelbar - am Fortsetzen seines Angriffes zu hindern. Wie wird dies bewerkstelligt?
Noch einmal: Hierfür gibt es keine Patentrezepte! Folglich muss der Schütze, wenn er sich einmal für die Verwendung der Schusswaffe entschieden hat, eben alles tun um die Wahrscheinlichkeit einer sofortigen Beendigung des Angriffs zu erhöhen. In anderen Worten: Der sich verteidigenden Schützen muss den Angreifer in der schnellstmöglichen Zeit derart schwer verletzen, dass dessen Gehirn und Körper schlagartig nicht mehr dazu in der Lage sind, den Angriff fortzusetzen. Diese Wahrscheinlichkeit wird beispielsweise durch die richtige Schießtechnik und die richtige Munitionswahl erhöht.
Für die Selbstverteidigung verwendet der Schütze am Besten ausreichend penetrierende Deformationsmunition. Diese soll die Kleidung des Angreifers ohne Verformung oder Fragmentierung durchdringen, danach aber tief genug in seinen Körper eindringen, um Wirkung zu zeigen und den Angriff sofort zu beenden. Deformationsgeschosse geben beim Aufprall durch Vergrößern ihres Querschnittes mehr Energie an das Zielmedium ab als beispielsweise herkömmliche Vollmantelgeschosse. Dieses Mehr an Energieabgabe erhöht in Folge die Wahrscheinlichkeit einer größeren Gewebszerstörung und in weiterer Folge die Wahrscheinlichkeit, dass der Treffer den Angriff zu beendet.
Darüber hinaus verhindert der Einsatz von Deformationsgeschossen meistens Durchschüsse, auch Querschläger werden vermindert. Solche Munitionsarten verhindern ein Taumeln der Geschosse im Körper des Angreifers, die anschließende Wundversorgung und Bergung der Projektile gestaltet sich für Mediziner wesentlich einfacher als bei herkömmlicher Vollmantelmunition.
Die meisten Geschosse beginnen ihre Deformationsphase bereits beim Eindringen in die Kleidung. Deformiert ein Geschoss aber zu früh, gibt es auch seine Energie zu früh an das Zielmedium ab und kann daher nicht ausreichend tief eindringen. Umgekehrt: Deformiert es zu spät oder gar nicht, gibt es ebenfalls zu wenig Energie an das Zielmedium ab und verliert daher einen großen Teil seiner unmittelbaren Wirkung.
Mittlerweile gibt es im Bereich der Deformationsgeschosse ein nahezu unüberschaubares Angebot, folglich kann hier nur eine begrenzte Auswahl der Produkte beschrieben werden: Magtech’s „First Defense“ sowie Federal’s EFMJ (Expanding Full Metal Jacket) beispielsweise bieten beide Fähigkeiten ausreichend an. Beide sind in Österreich legal erhältlich, was für andere Marken nicht zutrifft: In Österreich gilt ein Verbot von Teilmantel-Hohlspitzmunition für Faustfeuerwaffen.
Viele am internationalen Markt angebotenen Geschosse neigen auch zur Überpenetration, oder deformieren sich umgekehrt überhaupt nicht (bzw. unzureichend), da sich die Holspitze mit Kleidungsmaterial anfüllt. Erst Munition ab Kaliber 9mm Luger bietet die minimalen Voraussetzungen für die notwendige Wirkung. Kaliber wie .40S&W, .357SIG, oder .45ACP stellen den Standard dar. Nur Munition dieser Kaliber ist ausreichend stark, um den gewünschten Effekt herbeizuführen.
Bei der Munitionswahl muss auch bedacht werden, dass Geschosse auch manchmal durch Deckungen wie Wohnungstüren, oder Autotüren dringen müssen und dabei möglichst geringe Deformation aufweisen sollen. Zwar steht außer Frage, dass auch gut platzierte Treffer mit Voll- oder Teilmantelgeschossen einen Angreifer stoppen können, aber es geht uns um die Erhöhung der Wahrscheinlichkeit der Stoppwirkung im Allgemeinen und die Umfeldsicherheit im Besonderen. Beides wird durch die richtige Munition erhöht.
* * *
Wenden wir unser Augenmerk nun den Schießtechniken zu:
Wie weiter oben bereits angemerkt, blüht in Amerika seit längerer Zeit bereits ein riesiger Markt zum Thema Schießausbildung. Als Folge kommen die Innovationen und Standards zum Thema größtenteils von diesem Erdteil. Das einhändige Schießen aus der Hüfte, wie es beim F.B.I. in den 30er und 40er Jahren propagiert wurde, wurde schon lange durch neue Techniken abgelöst. Die meisten modernen Techniken wurden aus dem dynamischen Schießen (IPSC, IDPA) abgeleitet. Selbst der aus den 1950er Jahren stammende so genannte „Weaver Stance“ („Stance“ ist englisch für „Haltung“, „Weaver“ ist der Name jenes Polizeibeamten, der diese Schießhaltung entwickelt hat) hat unter den führenden Polizei- und Armeeausbildern nahezu ausgedient. Die neuesten Methoden orientieren sich an jenen Schießhaltungen, welche der Schütze unter Stress automatisch einnimmt, gleichgültig was er gelernt hat. Nach zahlreichen Studien ist man zum Schluss gekommen, Systeme zu lehren, die auf Verhaltensmustern basieren welchen der Mensch unter Stressbedingungen folgt. Weiters lehrt man heute Schießtechniken, die das Entwinden der Waffe verhindern sollen (Retention Techniken).
Eine dieser neuen Schießhaltungen nennt sich „Isosceles“, also gleichschenkelig. Diese Art des Schießens hat sich aus dem IPSC entwickelt. Im Gegensatz zum „Weaver Stance“, welcher asymmetrisch ist, wird beim Isosceles zwischen Waffe und Schultergelenken ein gleichschenkeliges Dreieck gebildet. Die Arme sind dabei nicht völlig ausgestreckt, sondern an den Ellenbogen leicht eingeknickt, was einer lockeren, flexiblen Haltung entgegen kommt. So kann der Rückstoßimpuls der Waffe besser abgeleitet werden und die Waffe liegt insgesamt ruhiger im Schuss, speziell bei schnellen Schussfolgen.
Die Waffenhand hält den Waffengriff so, dass der Druck vorne und hinten auf das Griffstück ausgeübt wird. Die zweite Hand umschließt die Waffenhand dergestalt, dass sie die Lücke am Waffengriff vollständig ausfüllt, der Druck wirkt von den Seiten.
60% des Druckes sollten von der „schwachen“ (= zweiten) Hand, 40% von der starken Hand kommen. Dadurch wird die Schusshand entlastet und der Abzugsfinger kann sich schneller bewegen, da er nicht vom Gesamtdruck der restlichen Finger behindert wird.
Dabei wird soviel wie möglich vom Griffstück erfasst, beide Daumen zeigen in Schussrichtung. Der Zeigefinger der schwachen Hand hat am Abzugsbügel nichts verloren, sondern bildet mit den anderen Fingern eine Griffeinheit. Mit dieser Greiftechnik erzielt der Schütze eine sehr stabile Fixierung der Waffe, was dem Springen der Waffe in schnellen Serien positiv entgegenwirkt (lesen sie dazu auch den Artikel „Sicherheitsregeln“ mit vielen Bildern zum Thema).
Für die meisten Schützen am Schwierigsten zu erlernen ist die so genannte „Triggercontrol“. Fälschlicherweise wird der Abzug von Vielen nach hinten gerissen, die Waffe dabei aus der Visierlinie gebracht. Tiefschüsse sind die Folge. Während dieses Problem bei hochfrisierten Sportwaffen mit ihren meist sehr leichtgängigen Single Action Abzügen kaum auftritt, reagieren Selbstverteidigungswaffen mit Abzugssystemen ähnlich der Pistolen von Glock sehr empfindlich auf diesen Fehler. Um ihn zu vermeiden ist es notwendig, den Abzug in einer gleichmäßigen Bewegung nach hinten zu bringen, ähnlich der Bewegung zum Schließen eines Reißverschlusses. Nach dem ersten Schuss wird der Abzug aber nur noch bis zum Reset-Punkt nach vorn bewegt (was sich z.B. bei Glock Pistolen durch ein hör- und spürbares Klicken bemerkbar macht) und dann wieder ausgelöst. Das verkürzt den kompletten Abzugsweg drastisch. Vereint der Schütze diesen Bewegungsablauf mit dem Repetierzyklus seiner Waffe, kann er immer dann abziehen, wenn der Schlitten wieder geschlossen und das Korn wieder im Ziel ist. Ausreichendes Training vorausgesetzt, wird es dem Schützen durch diese Technik möglich, auf eine Distanz von rund vier Metern etwa sieben Schüsse innerhalb von eineinhalb Sekunden in einer etwa faustgroßen Gruppe unterzubringen.
Ein bedeutender Faktor ist der Stress in Notwehr-Situationen. In allen denkbaren Bedrohungsszenarien steht der Angegriffene schlagartig unter enormen Stress. In seinem Gehirn wird durch die Ausschüttung von Stresshormonen (z.B. Noradrenalin) plötzlich die Ratio abgeschaltet, alle Reaktionen werden vom Stammhirn aus gesteuert. Als Folge lässt die Fähigkeit unsere Feinmotorik zu beherrschen extrem nach, wir werden zu Grobmotorikern. Gleichzeitig ist angelerntes Wissen plötzlich aus dem Gedächtnis verschwunden (Vergleichbar mit dem typischen Prüfungs-Black-out). Tätigkeiten wie das Auffinden des Magazinlöseknopfes, oder eines Schlittenfanghebels, werden zur schier unüberwindlichen Hürde, die Notrufnummer der Polizei ist vergessen, das Versperren von Türen und andere vergleichbar banale Tätigkeiten fallen außerordentlich schwer.
Dem kann durch ausreichendes Training entgegengewirkt werden. Eine Faustregel besagt, dass eine bestimmte Tätigkeit etwa eintausend mal wiederholt werden muss, um auch über das Stammhirn (Muskelgedächtnis) abrufbar zu sein. Dazu muss man die Handhabung seiner Waffe auf Grobmotorik umprogrammieren. Beispielsweise sollte beim Nachladen aus dem offenen Verschluss selbiger nie über den Schlittenfanghebel, sondern mit der schwachen Hand durch eine kräftige Bewegung geschlossen werden. Im Wettkampf mag es Zeitvorteile bringen den Verschluss per Hebel zu schließen, aber in Stresssituation kommt es vor, dass der Schütze diese feinmotorische Tätigkeit nicht korrekt ausführen kann.
Hinzu kommt ausreichendes Training in Stressbewältigung, welches den Umgang sowohl mit physischem als auch mit psychischem Stress zu beinhalten hat. Zwar kann es niemals gelingen alle Stressfaktoren zu beherrschen, aber regelmäßiges Training ermöglicht die Minderung und Beherrschung ihrer Wirkung.
Allem voran jedoch muss die Fähigkeit erlernt werden, die Waffe bei schnellen Schussfolgen zu beherrschen. Selbst erstklassige Sportschützen sind es zumeist nicht gewohnt derart zu schießen, da ihre Hauptdisziplinen und somit auch ihr Training auf statisches Schießen ausgelegt sind. Einzige Ausnahme bilden die Disziplinen IPSC und IDPA, wobei aber speziell IPSC praxisfernes taktisches Verhalten fördert und sich zumeist auf festgelegte Schusszahlen pro Scheibe festlegt (Dublettenschützen). Im IDPA liegt das Hauptaugenmerk auf dem taktisch richtigen Verhalten, aber auch hier wird immer mehr versportlicht, was in realen Situationen zu tödlichem Fehlverhalten führen kann. Als Grundübung für den realen Schusswaffeneinsatz sind jedoch beide Disziplinen ausreichend gut geeignet.
Wie bereits eingangs erwähnt: Kann man einer realen Bedrohungssituation nur noch durch den Einsatz einer Schusswaffe wirkungsvoll begegnen, erfordert dies die Bereitschaft und den Willen, seinen Gegner derart stark zu verwunden, dass dieser seinen Angriff nicht mehr fortsetzen kann. „Political Correctness“ ist nett, in solchen Situationen aber der vermutlich letzte Fehler, den der Verteidiger in diesem Leben machen kann. Ein bekannter, amerikanischer Experte auf dem Gebiet der Selbstverteidigung drückt es wie folgt aus: „Shoot ´em to the ground...“ Auf Deutsch: „Schieß so lange, bis die Bedrohung nicht mehr existiert“.
Vom Standpunkt der Schießtechnik bedeute das, der Schütze muss im Stande sein, eine unbestimmte Anzahl Projektile (durchschnittlich 5-7 Stück), in kürzest möglicher Zeit in einem möglichst kleinem Zielbereich zu platzieren. Dazu soll er über Entfernungen von bis zu 7 Metern fähig sein. Die durchschnittliche Distanz bei realen Schusswaffeneinsätzen liegt zwischen 0 – 7 Metern, wobei der Großteil jedoch auf Entfernungen unter 3 Metern stattfindet.
Die genannten Gründe sind bei der Wahl einer Verteidigungswaffe zu berücksichtigen. Wer seine Waffe in Notfällen zur Selbstverteidigung benutzen will muss darauf achten, dass er die spezifischen Eigenschaften des Typs sowie das Kaliber auch unter schlechten Bedingungen wie Stress, schlechten Lichtverhältnissen und dergleichen ausreichend gut beherrschen kann. Gelingt es einem Schützen beispielsweise nicht, mit einer Waffe vom Kalibers 10mm Auto eine befriedigend kleine Schussgruppe in kurzer Zeit auf der Zielscheibe unterzubringen, sollte er auf das nächstschwächere Kaliber, wie z.B. .45ACP, .40S&W oder 9mm Luger ausweichen. Das stärkste Kaliber ist nutzlos, wenn man damit nicht fähig ist sein Ziel zu treffen. Sehr gut zum Training eignen sich neutrale Zielscheiben mit angedeuteten Wirkungszonen (IDPA Standard-Target). Noch besser ist es, deren Wirkungszonen mit alten T-Shirts oder vergleichbaren Kleidungsstücken zu verhängen, um ein „Einschießen“ auf diese Zonen zu vermeiden.
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Ziel bei der Selbstverteidigung in einer Notwehrsituation ist es, lebenswichtige Organe des Angreifers zu verletzen. Das klingt blutrünstig, ist aber eine sowohl medizinisch als auch taktisch begründbare Notwendigkeit. Herz, Hauptarterien, Lunge oder Stammhirn sind beispielsweise Organe die der Angreifer benötigt um seine Attacke fortzusetzen. Ein Treffer im Stammhirn (von wo aus die Motorik gesteuert und an das Rückenmark weitergegeben wird) bedeutet zwar eine sofortige Beendigung des Angriffes, ist aber in Stress-Situationen sehr schwer anzubringen und endet auch unweigerlich mit dem Tod des Angreifers. Der menschliche Oberkörper bietet ein weitaus leichter zu treffendes Ziel. Der angestrebte Trefferbereich befindet sich in jenem Dreieck, welches aus den Brustwarzen und dem Kehlkopf des menschlichen Körpers gebildet wird.
Eine weit verbreitete Technik stellt in diesem Zusammenhang der so genannte „Mozambique Drill“ dar. John Rosseau, ein Schüler und Freund des bekannten Selbstverteidigungs-Trainers Jeff Cooper, entwickelte diese Technik aus seinen persönlichen Erfahrungen. Als er in Mozambique von einem Guerilla mit Sturmgewehr und aufgepflanztem Bajonett angegriffen wurde, stellte er nach einer Dublette in die Brust des Angreifers fest, dass diese Treffer keine Wirkung zeigten. Daraufhin durchschoss er dem Angreifer die Halswirbelsäule. Zwar wurde diese Technik zunächst durch Jeff Cooper propagiert, nach heutigen Erkenntnissen bedeutet sie für den Verteidiger aber eher eine Gefahr, denn ein Mittel zur ihrer Beseitigung. Der Schütze, der den Drill übt, eignet sich einen fatalen Fehler an. Er senkt die Waffe nach einer Dublette in die Brust des Gegners kurz ab um die Situation neu zu beurteilen. Diese Verzögerung hat schon mehrere Menschen das Leben gekostet, da sie vom Angreifer zur Erwiderung des Feuers genutzt wurde. Wesentlich wirkungsvoller ist es zu schießen, bis die Bedrohung neutralisiert ist. Dies mag sich zwar in manchen Notwehrsituationen negativ auf eine eventuell stattfindende, gerichtliche Nachuntersuchung auswirken, aber es rettet unter Umständen das Leben des Angegriffenen.
Womit wir zuletzt beim wichtigsten Aspekt des Themas „Selbstverteidigung mit der Schusswaffe“ angekommen sind, dem so genannten „Mindset“ (Mentalität, Denkweise).
Die meisten führenden US-Trainer betrachten es als das Fundament, auf welchem sich der Selbstverteidigungsgedanke aufbaut. Ohne die geeignete Denkweise werden alle anderen Aspekte (Taktik, Equipment und Fähigkeiten) nahezu wirkungslos. Jemand der sich dazu entscheidet eine Waffe zur Selbstverteidigung bereitzuhalten, muss auch dazu entschlossen sein, sie im Ernstfall so wie beschrieben einzusetzen.
Zum Mindset gehören aber noch andere Elemente wie beispielsweise eine gewisse ständige Aufmerksamkeit seiner Umgebung gegenüber, oder auch vorausschauendes Denken und Handeln. Wenn man immer mit nahezu allen Möglichkeiten rechnet, sich zu nahezu jeder Möglichkeit einen Plan zurechtlegt, ist man vor Überraschungen weitgehend sicher.
Für eine detaillierte Behandlung des Themenkomplexes „Mindset“ reicht der Rahmen dieses Artikels leider ebenso wenig wie zur Beschreibung des wahrlich unerschöpflichen Themas „Taktik“. Beide werden in zukünftigen Artikeln dieser Reihe erklärt werden.
In den von LUNA angebotenen Selbstverteidigungs-Trainings wird all dies detailliert besprochen, diskutiert und trainiert, ebenso die rechtlichen Aspekte des Themas Notwehr.
Ende des 1. Teils, keep it save.
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