Selbstverteidigung mit der Schusswaffe
2006 von Gerald Anderka
Teil 2
Mindset & Taktik
Wie bereits im ersten Teil angemerkt, trägt der Waffenbesitzer, der sich mit der Schusswaffe verteidigen will, eine große Verantwortung und muss den Willen und die Fähigkeit mitbringen, die Waffe im extremen Ernstfall auch kontrolliert und wirkungsvoll einzusetzen. Wer sich in seinem Inneren unklar darüber ist, ob er die Schusswaffe in einer solchen Situation auch wirklich gegen einen lebenden Menschen einsetzen können wird, der tut besser daran, von der Idee des bewaffneten Selbstschutzes abzusehen.
Es geht jedoch nicht ausschließlich um die innere Einstellung zum Thema Schusswaffengebrauch, sondern auch darum, wie man seine Umwelt wahrnimmt und auf mögliche Bedrohungen reagiert.
Diese innere Einstellung, kurz „Mindset“ genannt, soll hier nun besprochen werden.
Jeff Cooper (1920 - 2006), ein allseits bekannter Experte auf diesem Gebiet, erstellte so genannte Farbkodes (Color-Codes) zur Identifizierung der jeweils gegebenen Aufmerksamkeitsstufe. Daraus ergab sich ein Spektrum von Weiß (entspannt, unaufmerksam),
bis Rot (höchste Anspannung, lebensbedrohliche Situation, Kampfhandlung).
Diese Aufteilung in Farbkodes erfolgte dazu, dass Schüler seiner Doktrinen besser zwischen verschiedenen Aufmerksamkeitsphasen unterscheiden und mit ihnen umgehen lernten.
Sie verdeutlichen also verschiedene Zustände der eigenen Aufmerksamkeit und wenn man sie verinnerlicht hat, dann eignen sie sich sehr gut, um gefährliche Situationen bereits im Vorfeld als solche zu erkennen und wenn möglich, diese zu vermeiden, bzw. zu umgehen.
Verinnerlicht man alle Aspekte dieser Aufmerksamkeitsstufen und fügt ihnen gesunden Menschenverstand, Menschenkenntnis und Kommunikationsfähigkeiten hinzu, dann entsteht ein wirkliches Mindset.
Nun zu der Auflistung der Farbkodes und deren Erklärung:
Kode Weiß (Code-White):
° Man fühlt sich sicher, egal ob man es im Moment ist oder nicht.
° Die Aufmerksamkeit der eigenen Umwelt gegenüber, ist weitgehend abgeschaltet.
° Es ist der Status, den man meistens zu Hause oder in gewohnter Umgebung vorfindet.
° Dies ist die Aufmerksamkeitsphase, in der man sehr leicht Opfer eines Verbrechens wird, man nimmt keinerlei Anzeichen für Gefahr wahr.
Kode Gelb (Code-Yellow):
° Man ist umsichtig, also auf der Hut.
° Die Aufmerksamkeit der eigenen Umwelt gegenüber, ist eingeschaltet.
° Es ist der Status, den man unterwegs auf der Strasse einnimmt, man ist sich seiner Umgebung, der Leute, der Fahrzeuge und anderer Gegebenheiten gewahr. Man achtet auf mögliche Gefahrenquellen und beginnt sich Gedanken über deren Vermeidung zu machen.
° Intuitive Eingebungen sollten nicht ignoriert werden.
Kode Orange (Code-Orange):
° Man befindet sich bereits in Gefahr und ist sich einer potentiellen Bedrohung bewusst.
° Die Aufmerksamkeit konzentriert sich bereits auf die Evaluierung der Bedrohung.
° Es ist der Status den man einnimmt, wenn man einer potentiellen Gefahr oder Bedrohung begegnet. Eine spezielle Situation mag aufgetreten sein, man mag verbal bedroht worden sein oder das Verhalten von Fremden lässt annehmen, dass es zur Gefahr werden kann.
° Man beginnt Fluchtwege zu sondieren oder legt sich seine Instrumente der Selbstverteidigung zurecht, indem man seine Bewaffnung (geistig) prüft.
° Man fällt die Entscheidung zum Handeln (Flucht oder Angriff).
Kode Rot (Code-Red):
° Man befindet sich mitten in einem Konflikt, man wird JETZT bedroht.
° Die Aufmerksamkeit gilt nun dem Angreifer und der Lösungsmöglichkeit.
Es ist der Status den man einnimmt, wenn man sich bereits in einem Konflikt befindet.
Die zuvor in „Orange“ getroffene Entscheidung (Flucht oder Kampf) muss nun umgesetzt werden. Hier ist kein Platz mehr für innerliche Diskussionen, JETZT muss reagiert werden.
° Niemals in den Konflikt gehen, wenn eine Möglichkeit zur Flucht gegeben ist!!!
° Dem Angriff muss immer die Stufe der Gewalt entgegengesetzt werden, die notwendig ist um den Angriff zu stoppen. Reicht die Flucht, dann flüchten. Reicht verbale Deeskalation, dann eben dies. Muss mit körperlicher Gewalt reagiert werden, ist JETZT der Moment sie einzusetzen. Kann der Angriff nur noch durch den Einsatz der Schusswaffe verhindert oder aufgehalten werden, ist sie JETZT und kompromisslos einzusetzen.
Wer sich dauernd im beschriebenen Zustand des „Kode Weiß“ befindet, wird Bedrohungen selten wahrnehmen und sehr überrascht und unfähig zur Gegenwehr sein. Wenn eine Gegenwehr erfolgt, wird sie kopflos und panisch, also ungeplant erfolgen. Es kann auch passieren, dass man wie der Hase vor der Schlange erstarrt, weil das Gehirn mir Lösungswegen beschäftigt ist.
Wie bereits im 1. Teil dieses Artikels angemerkt, konfrontiert uns Stress mit einigen Problemen.
Setzt der Stress nämlich schlagartig ein, dann kommt es zu einer sehr schlagartigen Ausschüttung von Noradrenalin im Körper. Dies hat zur Folge, dass u.A. im Gehirn die Ratio abgeschaltet wird und man bekommt massive Probleme, einfachste Handlungen durchzuführen. Komplizierte Gedankengänge sind nicht mehr möglich, da der Teil des Gehirnes, welcher dafür zuständig ist, blockiert wird. Deeskalierende Kommunikation wird dadurch extrem erschwert (man kennt das sicher, wenn einem nach einem heftigen Streit plötzlich wieder einfällt, was man alles an verbaler Schlagfertigkeit hätte einbringen können, doch im Moment des Streites war diese Fähigkeit plötzlich völlig absent). Meistens reicht die Leistung des Gehirnes nur noch für eskalierende Äußerungen oder Mitleid erregende Phrasen.
Ebenso werden körperliche Fähigkeiten, welche der Abwehr eines Angriffes dienlich sind, plötzlich sehr schwer ausführbar. Es sei denn, diese Fähigkeiten wurden durch stete Wiederholung und Übung in das Muskelgedächtnis eingeprägt, dann lassen sie sich über das Stammhirn (Motorikzentrum) abrufen, kommen also als Reflexhandlungen automatisch.
Noradrenalin hat aber nicht nur negative Auswirkungen, sondern auch dienliche.
Es beschleunigt den Herzschlag, erhöht den Blutdruck und wirkt auf den Sympathikus. Der Sympathikus bewirkt insgesamt eine Leistungssteigerung des Organismus (Ergotropie). Er versetzt den Körper in hohe Leistungsbereitschaft, bereitet ihn auf Angriff, Flucht und somit auf außergewöhnliche Anstrengungen vor.
Zur Erklärung:
Zielgewebe des Sympathikus sind vor allem die glatte Muskulatur (v. a. der Blutgefäße) und Drüsen. Wie die übrigen Anteile des vegetativen Nervensystems steuert der Sympathikus lebenswichtige Vorgänge. Diese Regulation erfolgt weitgehend ohne bewusste Wahrnehmung und kann kaum willentlich beeinflusst werden.
Dies alles sind Auswirkungen von einem direkten Sprung von „Kode Weiß“ nach „Kode Rot“.
Jeder Aufmerksamkeitsstatus (Farbkode) der nicht übersprungen wird, hilft auf eventuelle Bedrohungssituationen überlegt und rechtzeitig zu reagieren. Je früher man sich einer potenziellen Bedrohung bewusst wird, desto mehr Zeit hat man, mit den Begleiterscheinungen (Stress, Angst und Adrenalin) fertig zu werden. Das Gehirn wird vom Adrenalin nicht überrascht und man kann sich Verteidigungsstrategien zurechtlegen. Der restliche Adrenalinstoss im Falle eines Kampfes erfolgt dann nicht mehr so heftig und kann zur kraftvollen und kontrollierten Umsetzung körperlicher Gewalt, die der Verteidigung dient, eingesetzt werden.
Wer sich dauernd im beschriebenen Zustand des „Kode Gelb“ befindet, wird mit der Zeit gegenüber gewissen Alarmsignalen abstumpfen oder leicht paranoide Züge annehmen. Dies ist natürlich nicht erstrebenswert. Man muss sehr wohl differenzieren, wo, wann und warum man in welchem Aufmerksamkeitsstatus gleitet. Idealerweise sollte der Übergang von „Kode Weiß“ nach „Kode Gelb“ ständig und fließend stattfinden und der jeweiligen Situation und dem Aufenthaltsort (Umgebung) angepasst sein. Es muss auch kein komplettes hinüber gleiten von „Weiß“ nach „Gelb“ stattfinden, es reicht wenn man einen Teil der in „Kode Gelb“ beschriebenen Attribute annimmt.
Man kann so z.B. völlig entspannt einkaufen gehen, jedoch dabei den Punkt: „Die Aufmerksamkeit der eigenen Umwelt gegenüber, ist eingeschaltet.“ mit einfließen lassen. Dies bedeutet dann einfach, dass man sich z.B. im Supermarkt ganz nebenbei nach Fluchtwegen umsieht und diese verinnerlicht. Denn nicht immer droht uns Gefahr von Menschen, ein gesundes „Mindset“ beinhaltet auch alle anderen Gefahren des Alltages, wie z.B. einen Brand oder eine Massenpanik (Fußballstadion).
Wenn man z.B. mit der Partnerin/ dem Partner, abends Lokalitäten aufsucht, könnte man sich so setzen, dass man den Großteil des Lokales, die Ausgänge zu den Toiletten und die Fluchtwege überblickt (vorausgesetzt, die freie Platzwahl lässt dies zu). Dies hat zum Anderen auch den banalen Vorteil, bei Bestellungswünschen keine Verrenkungen einnehmen zu müssen, um die Servierkraft zu rufen. Stellt man sich nun vor dem geistigen Auge vor, wie man im Falle einer Bedrohung (Brandfall o.ä.) den kürzesten Weg zum Notausgang nimmt, hat man einen wichtigen Beitrag zur eigenen Sicherheit und der anderer geleistet.
Der Weg vom Lokal zum Auto könnte dadurch erleichtert werden, dass man sich angewöhnt den Wagen nicht in unbeleuchteten Zonen oder verdeckt, von Hauptverkehrsadern abgeschirmt zu parken. Dieses Verhalten beugt z.B. bereits Einbruchdiebstählen und Raubüberfällen vor und stellt ein ständiges hin und her gleiten zwischen den Kodes „Weiß“ und „Gelb“ dar. Eine sehr gute Übung zur Erlangung eines ordentlichen „Mindsets“ kann auch sein, wenn man sich (nur zur Übung) gelegentlich ohne wirklichen Grund in die Stati „Gelb“ und „Orange“ versetzt und im Geiste durchspielt, welche Fluchtmöglichkeiten existieren, welche Mittel und Wege der Verteidigung präsent sind und wie man auf eventuelle Bedrohungsszenarien reagieren würde. Die geistige Auseinandersetzung mit Bedrohungsszenarien und deren Lösung jeglicher Art ist überhaupt der Grundstein eines „Mindsets“. Man sollte also immer wieder im Gedanken durchspielen, welche Worte, welche Handlungen man setzen würde. Dies ist genauso wichtig, als würde man regelmäßig zum Kampfsport- oder Schiesstraining gehen.
Wer sich ständig in den beschriebenen Zuständen der Kodes „Orange“ und „Rot“ befindet, der hält sich wahrscheinlich in einem Kriegsgebiet auf. In ziviler Umgebung wäre dieses Verhalten bereits krankhaft paranoid. Befindet man sich zu lange in einem der beiden (oder abwechselnd in beiden) Zuständen, wird man bald am so genannten „PTSD“ (Post traumatic stress disorder = Posttraumatische Belastungsstörung) leiden, da die menschliche Psyche nicht darauf ausgelegt ist, ständig in einem solchen Alarmzustand zu verweilen. Depression oder völlige Abstumpfung sind meist die Folge dieser Erfahrungen.
Zur Erklärung:
Eine Posttraumatische Belastungsstörung entsteht weder aufgrund einer erhöhten psychischen Labilität noch ist sie Ausdruck einer (psychischen) Erkrankung - auch psychisch gesunde und gefestigte Menschen können eine PTBS entwickeln. Sie stellt einen Versuch des Organismus dar, einer möglichen Existenzbedrohung Paroli zu bieten und das Hineingeraten in eine ähnliche Situationen zukünftig zu verhindern.
Hier nun einige praktische Gedanken zum „Mindset“ gepaart mit Gedanken zur Taktik:
Zu allererst sollte man sich immer potenzielle Gefahrenquellen bewusst machen, bevor man sich in der Öffentlichkeit bewegt. Das klingt unheimlich kompliziert und aufwendig, ist es aber nicht.
Das Gefahrenpotenzial ist beispielsweise während unserer täglichen Arbeits- und Freizeitroutine relativ gering. Es sind nur sehr wenige und seltene Augenblicke, in denen es etwas erhöhter ist.
Beispiele dafür sind unter Anderem:
Geldgeschäfte innerhalb von Bankgebäuden. Hier könnte man unter Umständen Zeuge oder Opfer eines Bankraubes werden. In einem solchen Fall ist es absolut nicht anzuraten in das laufende Geschehen mit Hilfe einer Schusswaffe einzugreifen. Erstens handelt es sich beim geraubten Gut nicht um das eigene, man wird nicht direkt und persönlich bedroht, und zweitens würde man bei einem sehr wahrscheinlich eintretenden Schusswechsel mit hoher Wahrscheinlichkeit Unbeteiligte gefährden. Die Strafverfolgung ist nicht die Aufgabe des legalen Waffenbesitzers, sondern jene der Exekutive. Ein solches Eingreifen ist durch das Notwehrrecht nicht gedeckt, es kann maximal mit Nothilfe (drohende Geiseltötung) argumentiert werden.
Völlig anders gelagert ist die Situation, wenn man z. B. am Geldautomaten überfallen wird.
Erfolgt der Überfall mit Waffengewalt, ist abzuwägen, ob man überhaupt eine reale Chance dazu hat, den Überfall, bzw. die Bedrohung durch Waffengewalt abzuwenden.
Damit es also gar nicht erst soweit kommt, sollte das Mindset helfen Gefahren im Vorfeld zu vermeiden, bzw. zu minimieren. Hat man also vor, an einem öffentlichen Geldautomaten Geld zu beheben, dann sollte man einen Geldautomaten wählen, dessen Standort hell und übersichtlich ist.
Befindet sich der Standort noch dazu an stark frequentierten Verkehrswegen, dann ist er umso idealer. Schadensbegrenzung bei Raubüberfällen kann man z.B. auch so betreiben, indem man einige Banknoten einer weniger wertvollen Währung (z.B. ungar. Forint o.Ä.) mit einem 10 Euro Geldschein abdeckt und mit einer großen Büroklammer fixiert. Der, bzw. die Täter lassen sich so relativ leicht abspeisen, indem man das Geldbündel einfach hervorholt, ihnen vor die Füße wirft und die Flucht ergreift. Mit hoher Wahrscheinlichkeit werden die Täter die scheinbar fette Beute an sich nehmen und damit das Weite suchen, denn sie wollen in erster Linie schnell und unerkannt vom Tatort verschwinden, man hat hier die beste Möglichkeit zur Flucht.
Man merke, Straftäter, welche Raubüberfälle begehen, sind nicht darauf aus dem Opfer das Leben zu nehmen oder es zu verletzen, sonder ihr oberstes Ziel ist, leichte Beute bei geringem Widerstand und Risiko zu machen. Mit dem oben erwähnten Trick, hat man mit dem Einsatz von 10 Euro Probleme vermieden und nur einen geringen Geldbetrag verloren. Dieser kleine Trick stammt ursprünglich vom bekannten Schieß -Instruktor, Polizisten und Buchautor Massad Ayoob, welcher dafür (er schrieb in einem seiner Bücher darüber) herbe Kritik einiger amerik. Kollegen (er wäre ein Feigling) erfuhr. Ganz falsch kann diese Taktik jedoch nicht sein, denn eine der wichtigsten Regeln in der Selbstverteidigungslehre heißt: „Jeder vermiedene Kampf ist ein gewonnener Kampf.“
Zwei weitere, wichtige Grundregeln bei der Bewältigung von gewalttätigen oder bedrohlichen Konflikten lauten: Achte auf die Hände und Taillen! Und: Distanz ist dein bester Freund!
Man ist es leider gewohnt, ihn Konfliktsituationen, welche sich für gewöhnlich fast immer auf der emotionalen Ebene und im absoluten Nahbereich abspielen, dem Gegenüber in die Augen zu sehen. Dabei vergisst man jedoch ganz gerne auf eine wichtige Tatsache: Augen können nicht verletzen und nicht töten. Hände, Beine und Waffen können dies jedoch sehr wohl.
An der Taille (Gürtel, Hosentaschen) werden meistens Waffen transportiert, Hände befinden sich meistens knapp unterhalb der Taille. Diese sieht man jedoch nur dann ausreichend, wenn man eine gewisse Distanz zum Angreifer hat. Außerdem befindet man sich dann außerhalb der Schlagreichweite des Gegenübers, was einen zusätzlichen Vorteil darstellt.
Hat man ausreichend Distanz zwischen sich und den Angreifer gebracht, kann man dazu übergehen, kommunikative Deeskalationsmethoden anzuwenden.
Ob dies verbal oder durch Körpersprache oder durch beides geschieht, hängt vom Grad der eigenen Verfassung und vom Trainingsstand ab. Auf jeden Fall sollte man kommunikative Konfliktlösungen und Flucht versuchen, bevor man mit Gewalt reagiert. Dabei sollte man die Hände auf Brusthöhe halten, die Handflächen ein wenig vom Oberkörper weg, dem Angreifer zugewandt und dabei leicht und langsam zurückweichen, bis man die gewünschte Distanz hergestellt hat. Dies ist eine sehr defensive Körperhaltung, die jedoch sehr leicht in einen der Verteidigung dienenden Angriff übergehen kann.
Völlig anders gelagert sind Situationen im eigenen Heim, wenn z.B. ein Einbruch stattfindet und Bewohner anwesend sind (man spricht dann vom so genannten „Hot Burglar“ ).
Viele dieser Einbrüche werden von den Opfern nicht einmal bemerkt, da sich die Täter darauf spezialisiert haben, besonders geräuschlos vorzugehen.
Bemerkt man jedoch einen solchen Einbruch im eigenen Heim, wird man z.B. durch ungewohnte Geräusche geweckt, dann sollte man in erster Linie zuerst der möglichen Ursache des Geräusches nachgehen. Dabei ist so vorsichtig wie möglich vorzugehen, dass keiner der anderen Mitbewohner unnötig gefährdet wird. Ein sofortiges, überhastetes Nachsuchen mit der Waffe in der Hand hat schon öfter Dramen ausgelöst, denn oft war es nur ein Mitglied des Haushaltes, das verspätet oder unerwartet nachhause kam. Sollte sich die Ursache des Geräusches nicht eindeutig lokalisieren lassen, ist es ratsam alle restlichen Mitbewohner (Ehepartner, Kinder) leise zu wecken und im elterlichen Schlafraum zu versammeln. Da solche Täter manchmal auch Telefonzuleitungen und Alarmanlagen deaktivieren, empfiehlt es sich immer, ein Mobiltelefon im Schlafraum zu haben.
Der Schlafraum sollte über nur einen einzigen Zugang verfügen und von innen zu versperren sein.
Als Ausrüstung sollte man demnach zur Absicherung, neben einem Mobiltelefon (immer darauf achten, dass der Akku geladen ist) und einer Schusswaffe, auch eine ordentliche Taschenlampe bereithalten.
So kann man sich mit seiner Familie relativ gefahrlos in eine halbwegs sichere Zone begeben, von der aus man die Polizei verständigen kann. Zur letzten Sicherung, kann man in diesem Raum die Schusswaffe bereithalten. Sollte versucht werden in den nun versperrten Raum einzudringen, sollte auf jeden Fall der Schusswaffengebrauch verbal angedroht werden, mit dem Hinweis versehen, dass man die Polizei bereits verständigt hat.
Wenn man die Polizei in einem solchen Fall verständigt, dann sollte man die Beamten darauf hinweisen, dass es sich um einen Einbruchsverdacht handelt. Man sollte den Namen, die Adresse, die Rückrufnummer am Mobiltelefon (falls die Verbindung abbricht) nennen und man sollte den eigenen Aufenthaltsort genau beschreiben. Ebenso muss man die Beamten darauf hinweisen, dass man mit einer Schusswaffe bewaffnet ist. Es gibt nichts, das einen zum Einsatzort eilenden Polizisten nervöser macht, als ein bewaffneter Hausbesitzer, der am Tatort nicht eindeutig zu lokalisieren ist, weil er sich auf „Einbrecherjagd“ befindet. Weiß der Beamte wo man sich befindet und dass man dort verweilen wird, dann erleichtert man ihm die Arbeit ungemein.
Versucht jemand, die Tür zum Schlafraum zu öffnen, darf man keinen Falls durch die geschlossene Tür schießen. Jedes Ziel muss vor Abgabe eines Schusses identifiziert, und der Raum dahinter als sicher qualifiziert werden. Ebenso ist zu beachten, dass sich die Täter leicht als Polizisten ausgeben können. Hier ist es anzuraten, den telefonischen Kontakt zur Leitstelle aufrecht zu erhalten. Der Beamte in der Leitstelle ist per Funk über den jeweiligen Aufenthaltsort seiner Kollegen informiert und kann somit Rücksprache mit ihnen halten und bestätigen, dass nun die Polizeibeamten vor der versperrten Türe stehen. Die Schusswaffe ist sodann zu sichern und sicher abzulegen.
Danach kann den Beamten die Türe geöffnet werden. Die Beamten werden die Waffe wahrscheinlich vorerst sicherstellen, das ist aber kein Problem. Das Durchsuchen des eigenen Hauses überlässt man am besten den Polizeibeamten, die sind dafür ausreichend geschult und erfahren im Umgang mit solchen Situationen.
Eine weitere wichtige Taktik bei Bedrohungsszenarien ist das durchbrechen des OOAD-Loops des Angreifers. Das Kürzel „OOAD“ steht für eine Prozesskette, die jedes Mal durchlaufen wird, wenn man Handlungen setzen will.
Ausgeschrieben bedeutet „OOAD“ folgendes: Observe – Orient – Decide – Act, also observieren,
orientieren, entscheiden und agieren.
Die Definition geht zurück auf Col. John Boyd, einen Militärstrategen der United States Air Force und auf die Erkenntnisse aus „Sun Tzu´s „Die Kunst des Krieges“. Col. Boyd erschuf es zur Erklärung und zum besseren Verständnis im Training von Kampffliegern.
Auf unsere Belange umgesetzt bedeutet dies nun folgendes:
Der Täter, der z.B. einen Raubüberfall begehen will, sucht sich meistens zuerst ein geeignetes Opfer aus: Observationsphase.
Da er den Weg des geringsten Widerstandes und des geringsten Risikos gehen will, wird er sein Opfer nach diesen Gesichtspunkten aussuchen. Er wird nach einem potenziellen Opfer suchen, das in sein Beuteschema passt, also ein Opfer, das körperlich schwach wirkt und damit leicht zu überwältigen ist. Entspricht man dem Beuteschema des Täters von vornherein nicht, heißt das aber noch lange nicht, dass man deshalb absolut sicher vor einem Überfall ist. Es gibt auch Täter, die nach anderen Gesichtspunkten „observieren“. Manche Täter selektieren ihre Opfer nämlich nicht nach den oben erwähnten Punkten, sondern suchen sich z.B. Opfer, bei denen ein Raub eine große Beute verspricht. Teure Kleidung, offen getragener wertvoller Schmuck oder einfach unvorsichtiger Umgang mit Geld (z.B. ein Bündel großer Banknoten, dass aus der Hose genommen wird, um am Imbiss etwas zu bezahlen) können einen dementsprechenden Anreiz darstellen.
Verändert man seine Körpersprache, gewisse Gewohnheiten und Handlungsweisen diesbezüglich, durchbricht man den OOAD-Loop des Täters bereits in der Observationsphase, es kommt erst gar nicht zur Orientierungsphase.
Die Orientierungsphase setzt dann ein, wenn man bereits vom Täter als mögliches Opfer erkannt wurde, was sich aus dessen Observationen ergeben hat.
Nun wird sich der Täter daran machen, die Daten, welche aus der Observation gewonnen wurden zu analysieren, und sie mit bereits gemachten Erfahrungen (frühere Überfälle) zu vergleichen.
Auch hier lässt sich der OOAD-Loop des Täters durchbrechen, wenn man z.B. durch die oben erwähnte Aufmerksamkeitsstufe (Kode-Gelb) auf den Täter aufmerksam wurde und man sein Verhalten der Situation dementsprechend anpasst. Dies kann durch einen Plötzlichen Richtungswechsel oder den Wechsel zur anderen Straßenseite geschehen oder durch das Betreten eines Geschäftsbereiches. Trägt man eine Schusswaffe, wäre es z.B. eine Möglichkeit, sich kurz die Hose zurecht zu ziehen und dabei beiläufig (wie zufällig) kurz Teile der Waffe zu präsentieren.
Nimmt der Täter diese nonverbale Warnung wahr, wird er mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit von seinem Vorhaben ablassen.
Auf jeden Fall wird der Täter danach in die Entscheidungsphase fallen. Er wird darüber entscheiden, sein Vorhaben in die Tat umzusetzen, oder nicht.
Hat er sich für die Tat entschieden, sollte man sich spätestens jetzt in Kode-Orange befinden und dementsprechend handeln. Entscheidet er sich zur Straftat, kommt danach die Phase des Agierens, er wird versuchen seine Absicht zu verwirklichen. Hat man bis zu diesem Punkt nichts unternommen um der Situation zu entgehen, hat man vorher einige kapitale Fehler begangen und muss hier nun meistens mit Gewalt, Aufgabe oder Flucht reagieren, man befindet sich jetzt deutlich in der Phase des Kode-Rot. Heftige Gegenwehr z.B. verursacht, dass der Täter wieder in die Observations-, bzw. Orientierungsphase zurückfällt und der Loop beginnt von vorne.

Wesentlich detailreicher werden diese Themen jedoch in den LUNA-Seminaren und Workshops behandelt.
Keep save and act straight.
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Selbstverteidigung mit der Schusswaffe
2006 von Gerald Anderka
Teil 2
Mindset & Taktik
Wie bereits im ersten Teil angemerkt, trägt der Waffenbesitzer, der sich mit der Schusswaffe verteidigen will, eine große Verantwortung und muss den Willen und die Fähigkeit mitbringen, die Waffe im extremen Ernstfall auch kontrolliert und wirkungsvoll einzusetzen. Wer sich in seinem Inneren unklar darüber ist, ob er die Schusswaffe in einer solchen Situation auch wirklich gegen einen lebenden Menschen einsetzen können wird, der tut besser daran, von der Idee des bewaffneten Selbstschutzes abzusehen.
Es geht jedoch nicht ausschließlich um die innere Einstellung zum Thema Schusswaffengebrauch, sondern auch darum, wie man seine Umwelt wahrnimmt und auf mögliche Bedrohungen reagiert.
Diese innere Einstellung, kurz „Mindset“ genannt, soll hier nun besprochen werden.
Jeff Cooper (1920 - 2006), ein allseits bekannter Experte auf diesem Gebiet, erstellte so genannte Farbkodes (Color-Codes) zur Identifizierung der jeweils gegebenen Aufmerksamkeitsstufe. Daraus ergab sich ein Spektrum von Weiß (entspannt, unaufmerksam),
bis Rot (höchste Anspannung, lebensbedrohliche Situation, Kampfhandlung).
Diese Aufteilung in Farbkodes erfolgte dazu, dass Schüler seiner Doktrinen besser zwischen verschiedenen Aufmerksamkeitsphasen unterscheiden und mit ihnen umgehen lernten.
Sie verdeutlichen also verschiedene Zustände der eigenen Aufmerksamkeit und wenn man sie verinnerlicht hat, dann eignen sie sich sehr gut, um gefährliche Situationen bereits im Vorfeld als solche zu erkennen und wenn möglich, diese zu vermeiden, bzw. zu umgehen.
Verinnerlicht man alle Aspekte dieser Aufmerksamkeitsstufen und fügt ihnen gesunden Menschenverstand, Menschenkenntnis und Kommunikationsfähigkeiten hinzu, dann entsteht ein wirkliches Mindset.
Nun zu der Auflistung der Farbkodes und deren Erklärung:
Kode Weiß (Code-White):
° Man fühlt sich sicher, egal ob man es im Moment ist oder nicht.
° Die Aufmerksamkeit der eigenen Umwelt gegenüber, ist weitgehend abgeschaltet.
° Es ist der Status, den man meistens zu Hause oder in gewohnter Umgebung vorfindet.
° Dies ist die Aufmerksamkeitsphase, in der man sehr leicht Opfer eines Verbrechens wird, man nimmt keinerlei Anzeichen für Gefahr wahr.
Kode Gelb (Code-Yellow):
° Man ist umsichtig, also auf der Hut.
° Die Aufmerksamkeit der eigenen Umwelt gegenüber, ist eingeschaltet.
° Es ist der Status, den man unterwegs auf der Strasse einnimmt, man ist sich seiner Umgebung, der Leute, der Fahrzeuge und anderer Gegebenheiten gewahr. Man achtet auf mögliche Gefahrenquellen und beginnt sich Gedanken über deren Vermeidung zu machen.
° Intuitive Eingebungen sollten nicht ignoriert werden.
Kode Orange (Code-Orange):
° Man befindet sich bereits in Gefahr und ist sich einer potentiellen Bedrohung bewusst.
° Die Aufmerksamkeit konzentriert sich bereits auf die Evaluierung der Bedrohung.
° Es ist der Status den man einnimmt, wenn man einer potentiellen Gefahr oder Bedrohung begegnet. Eine spezielle Situation mag aufgetreten sein, man mag verbal bedroht worden sein oder das Verhalten von Fremden lässt annehmen, dass es zur Gefahr werden kann.
° Man beginnt Fluchtwege zu sondieren oder legt sich seine Instrumente der Selbstverteidigung zurecht, indem man seine Bewaffnung (geistig) prüft.
° Man fällt die Entscheidung zum Handeln (Flucht oder Angriff).
Kode Rot (Code-Red):
° Man befindet sich mitten in einem Konflikt, man wird JETZT bedroht.
° Die Aufmerksamkeit gilt nun dem Angreifer und der Lösungsmöglichkeit.
Es ist der Status den man einnimmt, wenn man sich bereits in einem Konflikt befindet.
Die zuvor in „Orange“ getroffene Entscheidung (Flucht oder Kampf) muss nun umgesetzt werden. Hier ist kein Platz mehr für innerliche Diskussionen, JETZT muss reagiert werden.
° Niemals in den Konflikt gehen, wenn eine Möglichkeit zur Flucht gegeben ist!!!
° Dem Angriff muss immer die Stufe der Gewalt entgegengesetzt werden, die notwendig ist um den Angriff zu stoppen. Reicht die Flucht, dann flüchten. Reicht verbale Deeskalation, dann eben dies. Muss mit körperlicher Gewalt reagiert werden, ist JETZT der Moment sie einzusetzen. Kann der Angriff nur noch durch den Einsatz der Schusswaffe verhindert oder aufgehalten werden, ist sie JETZT und kompromisslos einzusetzen.
Wer sich dauernd im beschriebenen Zustand des „Kode Weiß“ befindet, wird Bedrohungen selten wahrnehmen und sehr überrascht und unfähig zur Gegenwehr sein. Wenn eine Gegenwehr erfolgt, wird sie kopflos und panisch, also ungeplant erfolgen. Es kann auch passieren, dass man wie der Hase vor der Schlange erstarrt, weil das Gehirn mir Lösungswegen beschäftigt ist.
Wie bereits im 1. Teil dieses Artikels angemerkt, konfrontiert uns Stress mit einigen Problemen.
Setzt der Stress nämlich schlagartig ein, dann kommt es zu einer sehr schlagartigen Ausschüttung von Noradrenalin im Körper. Dies hat zur Folge, dass u.A. im Gehirn die Ratio abgeschaltet wird und man bekommt massive Probleme, einfachste Handlungen durchzuführen. Komplizierte Gedankengänge sind nicht mehr möglich, da der Teil des Gehirnes, welcher dafür zuständig ist, blockiert wird. Deeskalierende Kommunikation wird dadurch extrem erschwert (man kennt das sicher, wenn einem nach einem heftigen Streit plötzlich wieder einfällt, was man alles an verbaler Schlagfertigkeit hätte einbringen können, doch im Moment des Streites war diese Fähigkeit plötzlich völlig absent). Meistens reicht die Leistung des Gehirnes nur noch für eskalierende Äußerungen oder Mitleid erregende Phrasen.
Ebenso werden körperliche Fähigkeiten, welche der Abwehr eines Angriffes dienlich sind, plötzlich sehr schwer ausführbar. Es sei denn, diese Fähigkeiten wurden durch stete Wiederholung und Übung in das Muskelgedächtnis eingeprägt, dann lassen sie sich über das Stammhirn (Motorikzentrum) abrufen, kommen also als Reflexhandlungen automatisch.
Noradrenalin hat aber nicht nur negative Auswirkungen, sondern auch dienliche.
Es beschleunigt den Herzschlag, erhöht den Blutdruck und wirkt auf den Sympathikus. Der Sympathikus bewirkt insgesamt eine Leistungssteigerung des Organismus (Ergotropie). Er versetzt den Körper in hohe Leistungsbereitschaft, bereitet ihn auf Angriff, Flucht und somit auf außergewöhnliche Anstrengungen vor.
Zur Erklärung:
Zielgewebe des Sympathikus sind vor allem die glatte Muskulatur (v. a. der Blutgefäße) und Drüsen. Wie die übrigen Anteile des vegetativen Nervensystems steuert der Sympathikus lebenswichtige Vorgänge. Diese Regulation erfolgt weitgehend ohne bewusste Wahrnehmung und kann kaum willentlich beeinflusst werden.
Dies alles sind Auswirkungen von einem direkten Sprung von „Kode Weiß“ nach „Kode Rot“.
Jeder Aufmerksamkeitsstatus (Farbkode) der nicht übersprungen wird, hilft auf eventuelle Bedrohungssituationen überlegt und rechtzeitig zu reagieren. Je früher man sich einer potenziellen Bedrohung bewusst wird, desto mehr Zeit hat man, mit den Begleiterscheinungen (Stress, Angst und Adrenalin) fertig zu werden. Das Gehirn wird vom Adrenalin nicht überrascht und man kann sich Verteidigungsstrategien zurechtlegen. Der restliche Adrenalinstoss im Falle eines Kampfes erfolgt dann nicht mehr so heftig und kann zur kraftvollen und kontrollierten Umsetzung körperlicher Gewalt, die der Verteidigung dient, eingesetzt werden.
Wer sich dauernd im beschriebenen Zustand des „Kode Gelb“ befindet, wird mit der Zeit gegenüber gewissen Alarmsignalen abstumpfen oder leicht paranoide Züge annehmen. Dies ist natürlich nicht erstrebenswert. Man muss sehr wohl differenzieren, wo, wann und warum man in welchem Aufmerksamkeitsstatus gleitet. Idealerweise sollte der Übergang von „Kode Weiß“ nach „Kode Gelb“ ständig und fließend stattfinden und der jeweiligen Situation und dem Aufenthaltsort (Umgebung) angepasst sein. Es muss auch kein komplettes hinüber gleiten von „Weiß“ nach „Gelb“ stattfinden, es reicht wenn man einen Teil der in „Kode Gelb“ beschriebenen Attribute annimmt.
Man kann so z.B. völlig entspannt einkaufen gehen, jedoch dabei den Punkt: „Die Aufmerksamkeit der eigenen Umwelt gegenüber, ist eingeschaltet.“ mit einfließen lassen. Dies bedeutet dann einfach, dass man sich z.B. im Supermarkt ganz nebenbei nach Fluchtwegen umsieht und diese verinnerlicht. Denn nicht immer droht uns Gefahr von Menschen, ein gesundes „Mindset“ beinhaltet auch alle anderen Gefahren des Alltages, wie z.B. einen Brand oder eine Massenpanik (Fußballstadion).
Wenn man z.B. mit der Partnerin/ dem Partner, abends Lokalitäten aufsucht, könnte man sich so setzen, dass man den Großteil des Lokales, die Ausgänge zu den Toiletten und die Fluchtwege überblickt (vorausgesetzt, die freie Platzwahl lässt dies zu). Dies hat zum Anderen auch den banalen Vorteil, bei Bestellungswünschen keine Verrenkungen einnehmen zu müssen, um die Servierkraft zu rufen. Stellt man sich nun vor dem geistigen Auge vor, wie man im Falle einer Bedrohung (Brandfall o.ä.) den kürzesten Weg zum Notausgang nimmt, hat man einen wichtigen Beitrag zur eigenen Sicherheit und der anderer geleistet.
Der Weg vom Lokal zum Auto könnte dadurch erleichtert werden, dass man sich angewöhnt den Wagen nicht in unbeleuchteten Zonen oder verdeckt, von Hauptverkehrsadern abgeschirmt zu parken. Dieses Verhalten beugt z.B. bereits Einbruchdiebstählen und Raubüberfällen vor und stellt ein ständiges hin und her gleiten zwischen den Kodes „Weiß“ und „Gelb“ dar. Eine sehr gute Übung zur Erlangung eines ordentlichen „Mindsets“ kann auch sein, wenn man sich (nur zur Übung) gelegentlich ohne wirklichen Grund in die Stati „Gelb“ und „Orange“ versetzt und im Geiste durchspielt, welche Fluchtmöglichkeiten existieren, welche Mittel und Wege der Verteidigung präsent sind und wie man auf eventuelle Bedrohungsszenarien reagieren würde. Die geistige Auseinandersetzung mit Bedrohungsszenarien und deren Lösung jeglicher Art ist überhaupt der Grundstein eines „Mindsets“. Man sollte also immer wieder im Gedanken durchspielen, welche Worte, welche Handlungen man setzen würde. Dies ist genauso wichtig, als würde man regelmäßig zum Kampfsport- oder Schiesstraining gehen.
Wer sich ständig in den beschriebenen Zuständen der Kodes „Orange“ und „Rot“ befindet, der hält sich wahrscheinlich in einem Kriegsgebiet auf. In ziviler Umgebung wäre dieses Verhalten bereits krankhaft paranoid. Befindet man sich zu lange in einem der beiden (oder abwechselnd in beiden) Zuständen, wird man bald am so genannten „PTSD“ (Post traumatic stress disorder = Posttraumatische Belastungsstörung) leiden, da die menschliche Psyche nicht darauf ausgelegt ist, ständig in einem solchen Alarmzustand zu verweilen. Depression oder völlige Abstumpfung sind meist die Folge dieser Erfahrungen.
Zur Erklärung:
Eine Posttraumatische Belastungsstörung entsteht weder aufgrund einer erhöhten psychischen Labilität noch ist sie Ausdruck einer (psychischen) Erkrankung - auch psychisch gesunde und gefestigte Menschen können eine PTBS entwickeln. Sie stellt einen Versuch des Organismus dar, einer möglichen Existenzbedrohung Paroli zu bieten und das Hineingeraten in eine ähnliche Situationen zukünftig zu verhindern.
Hier nun einige praktische Gedanken zum „Mindset“ gepaart mit Gedanken zur Taktik:
Zu allererst sollte man sich immer potenzielle Gefahrenquellen bewusst machen, bevor man sich in der Öffentlichkeit bewegt. Das klingt unheimlich kompliziert und aufwendig, ist es aber nicht.
Das Gefahrenpotenzial ist beispielsweise während unserer täglichen Arbeits- und Freizeitroutine relativ gering. Es sind nur sehr wenige und seltene Augenblicke, in denen es etwas erhöhter ist.
Beispiele dafür sind unter Anderem:
Geldgeschäfte innerhalb von Bankgebäuden. Hier könnte man unter Umständen Zeuge oder Opfer eines Bankraubes werden. In einem solchen Fall ist es absolut nicht anzuraten in das laufende Geschehen mit Hilfe einer Schusswaffe einzugreifen. Erstens handelt es sich beim geraubten Gut nicht um das eigene, man wird nicht direkt und persönlich bedroht, und zweitens würde man bei einem sehr wahrscheinlich eintretenden Schusswechsel mit hoher Wahrscheinlichkeit Unbeteiligte gefährden. Die Strafverfolgung ist nicht die Aufgabe des legalen Waffenbesitzers, sondern jene der Exekutive. Ein solches Eingreifen ist durch das Notwehrrecht nicht gedeckt, es kann maximal mit Nothilfe (drohende Geiseltötung) argumentiert werden.
Völlig anders gelagert ist die Situation, wenn man z. B. am Geldautomaten überfallen wird.
Erfolgt der Überfall mit Waffengewalt, ist abzuwägen, ob man überhaupt eine reale Chance dazu hat, den Überfall, bzw. die Bedrohung durch Waffengewalt abzuwenden.
Damit es also gar nicht erst soweit kommt, sollte das Mindset helfen Gefahren im Vorfeld zu vermeiden, bzw. zu minimieren. Hat man also vor, an einem öffentlichen Geldautomaten Geld zu beheben, dann sollte man einen Geldautomaten wählen, dessen Standort hell und übersichtlich ist.
Befindet sich der Standort noch dazu an stark frequentierten Verkehrswegen, dann ist er umso idealer. Schadensbegrenzung bei Raubüberfällen kann man z.B. auch so betreiben, indem man einige Banknoten einer weniger wertvollen Währung (z.B. ungar. Forint o.Ä.) mit einem 10 Euro Geldschein abdeckt und mit einer großen Büroklammer fixiert. Der, bzw. die Täter lassen sich so relativ leicht abspeisen, indem man das Geldbündel einfach hervorholt, ihnen vor die Füße wirft und die Flucht ergreift. Mit hoher Wahrscheinlichkeit werden die Täter die scheinbar fette Beute an sich nehmen und damit das Weite suchen, denn sie wollen in erster Linie schnell und unerkannt vom Tatort verschwinden, man hat hier die beste Möglichkeit zur Flucht.
Man merke, Straftäter, welche Raubüberfälle begehen, sind nicht darauf aus dem Opfer das Leben zu nehmen oder es zu verletzen, sonder ihr oberstes Ziel ist, leichte Beute bei geringem Widerstand und Risiko zu machen. Mit dem oben erwähnten Trick, hat man mit dem Einsatz von 10 Euro Probleme vermieden und nur einen geringen Geldbetrag verloren. Dieser kleine Trick stammt ursprünglich vom bekannten Schieß -Instruktor, Polizisten und Buchautor Massad Ayoob, welcher dafür (er schrieb in einem seiner Bücher darüber) herbe Kritik einiger amerik. Kollegen (er wäre ein Feigling) erfuhr. Ganz falsch kann diese Taktik jedoch nicht sein, denn eine der wichtigsten Regeln in der Selbstverteidigungslehre heißt: „Jeder vermiedene Kampf ist ein gewonnener Kampf.“
Zwei weitere, wichtige Grundregeln bei der Bewältigung von gewalttätigen oder bedrohlichen Konflikten lauten: Achte auf die Hände und Taillen! Und: Distanz ist dein bester Freund!
Man ist es leider gewohnt, ihn Konfliktsituationen, welche sich für gewöhnlich fast immer auf der emotionalen Ebene und im absoluten Nahbereich abspielen, dem Gegenüber in die Augen zu sehen. Dabei vergisst man jedoch ganz gerne auf eine wichtige Tatsache: Augen können nicht verletzen und nicht töten. Hände, Beine und Waffen können dies jedoch sehr wohl.
An der Taille (Gürtel, Hosentaschen) werden meistens Waffen transportiert, Hände befinden sich meistens knapp unterhalb der Taille. Diese sieht man jedoch nur dann ausreichend, wenn man eine gewisse Distanz zum Angreifer hat. Außerdem befindet man sich dann außerhalb der Schlagreichweite des Gegenübers, was einen zusätzlichen Vorteil darstellt.
Hat man ausreichend Distanz zwischen sich und den Angreifer gebracht, kann man dazu übergehen, kommunikative Deeskalationsmethoden anzuwenden.
Ob dies verbal oder durch Körpersprache oder durch beides geschieht, hängt vom Grad der eigenen Verfassung und vom Trainingsstand ab. Auf jeden Fall sollte man kommunikative Konfliktlösungen und Flucht versuchen, bevor man mit Gewalt reagiert. Dabei sollte man die Hände auf Brusthöhe halten, die Handflächen ein wenig vom Oberkörper weg, dem Angreifer zugewandt und dabei leicht und langsam zurückweichen, bis man die gewünschte Distanz hergestellt hat. Dies ist eine sehr defensive Körperhaltung, die jedoch sehr leicht in einen der Verteidigung dienenden Angriff übergehen kann.
Völlig anders gelagert sind Situationen im eigenen Heim, wenn z.B. ein Einbruch stattfindet und Bewohner anwesend sind (man spricht dann vom so genannten „Hot Burglar“ ).
Viele dieser Einbrüche werden von den Opfern nicht einmal bemerkt, da sich die Täter darauf spezialisiert haben, besonders geräuschlos vorzugehen.
Bemerkt man jedoch einen solchen Einbruch im eigenen Heim, wird man z.B. durch ungewohnte Geräusche geweckt, dann sollte man in erster Linie zuerst der möglichen Ursache des Geräusches nachgehen. Dabei ist so vorsichtig wie möglich vorzugehen, dass keiner der anderen Mitbewohner unnötig gefährdet wird. Ein sofortiges, überhastetes Nachsuchen mit der Waffe in der Hand hat schon öfter Dramen ausgelöst, denn oft war es nur ein Mitglied des Haushaltes, das verspätet oder unerwartet nachhause kam. Sollte sich die Ursache des Geräusches nicht eindeutig lokalisieren lassen, ist es ratsam alle restlichen Mitbewohner (Ehepartner, Kinder) leise zu wecken und im elterlichen Schlafraum zu versammeln. Da solche Täter manchmal auch Telefonzuleitungen und Alarmanlagen deaktivieren, empfiehlt es sich immer, ein Mobiltelefon im Schlafraum zu haben.
Der Schlafraum sollte über nur einen einzigen Zugang verfügen und von innen zu versperren sein.
Als Ausrüstung sollte man demnach zur Absicherung, neben einem Mobiltelefon (immer darauf achten, dass der Akku geladen ist) und einer Schusswaffe, auch eine ordentliche Taschenlampe bereithalten.
So kann man sich mit seiner Familie relativ gefahrlos in eine halbwegs sichere Zone begeben, von der aus man die Polizei verständigen kann. Zur letzten Sicherung, kann man in diesem Raum die Schusswaffe bereithalten. Sollte versucht werden in den nun versperrten Raum einzudringen, sollte auf jeden Fall der Schusswaffengebrauch verbal angedroht werden, mit dem Hinweis versehen, dass man die Polizei bereits verständigt hat.
Wenn man die Polizei in einem solchen Fall verständigt, dann sollte man die Beamten darauf hinweisen, dass es sich um einen Einbruchsverdacht handelt. Man sollte den Namen, die Adresse, die Rückrufnummer am Mobiltelefon (falls die Verbindung abbricht) nennen und man sollte den eigenen Aufenthaltsort genau beschreiben. Ebenso muss man die Beamten darauf hinweisen, dass man mit einer Schusswaffe bewaffnet ist. Es gibt nichts, das einen zum Einsatzort eilenden Polizisten nervöser macht, als ein bewaffneter Hausbesitzer, der am Tatort nicht eindeutig zu lokalisieren ist, weil er sich auf „Einbrecherjagd“ befindet. Weiß der Beamte wo man sich befindet und dass man dort verweilen wird, dann erleichtert man ihm die Arbeit ungemein.
Versucht jemand, die Tür zum Schlafraum zu öffnen, darf man keinen Falls durch die geschlossene Tür schießen. Jedes Ziel muss vor Abgabe eines Schusses identifiziert, und der Raum dahinter als sicher qualifiziert werden. Ebenso ist zu beachten, dass sich die Täter leicht als Polizisten ausgeben können. Hier ist es anzuraten, den telefonischen Kontakt zur Leitstelle aufrecht zu erhalten. Der Beamte in der Leitstelle ist per Funk über den jeweiligen Aufenthaltsort seiner Kollegen informiert und kann somit Rücksprache mit ihnen halten und bestätigen, dass nun die Polizeibeamten vor der versperrten Türe stehen. Die Schusswaffe ist sodann zu sichern und sicher abzulegen.
Danach kann den Beamten die Türe geöffnet werden. Die Beamten werden die Waffe wahrscheinlich vorerst sicherstellen, das ist aber kein Problem. Das Durchsuchen des eigenen Hauses überlässt man am besten den Polizeibeamten, die sind dafür ausreichend geschult und erfahren im Umgang mit solchen Situationen.
Eine weitere wichtige Taktik bei Bedrohungsszenarien ist das durchbrechen des OOAD-Loops des Angreifers. Das Kürzel „OOAD“ steht für eine Prozesskette, die jedes Mal durchlaufen wird, wenn man Handlungen setzen will.
Ausgeschrieben bedeutet „OOAD“ folgendes: Observe – Orient – Decide – Act, also observieren,
orientieren, entscheiden und agieren.
Die Definition geht zurück auf Col. John Boyd, einen Militärstrategen der United States Air Force und auf die Erkenntnisse aus „Sun Tzu´s „Die Kunst des Krieges“. Col. Boyd erschuf es zur Erklärung und zum besseren Verständnis im Training von Kampffliegern.
Auf unsere Belange umgesetzt bedeutet dies nun folgendes:
Der Täter, der z.B. einen Raubüberfall begehen will, sucht sich meistens zuerst ein geeignetes Opfer aus: Observationsphase.
Da er den Weg des geringsten Widerstandes und des geringsten Risikos gehen will, wird er sein Opfer nach diesen Gesichtspunkten aussuchen. Er wird nach einem potenziellen Opfer suchen, das in sein Beuteschema passt, also ein Opfer, das körperlich schwach wirkt und damit leicht zu überwältigen ist. Entspricht man dem Beuteschema des Täters von vornherein nicht, heißt das aber noch lange nicht, dass man deshalb absolut sicher vor einem Überfall ist. Es gibt auch Täter, die nach anderen Gesichtspunkten „observieren“. Manche Täter selektieren ihre Opfer nämlich nicht nach den oben erwähnten Punkten, sondern suchen sich z.B. Opfer, bei denen ein Raub eine große Beute verspricht. Teure Kleidung, offen getragener wertvoller Schmuck oder einfach unvorsichtiger Umgang mit Geld (z.B. ein Bündel großer Banknoten, dass aus der Hose genommen wird, um am Imbiss etwas zu bezahlen) können einen dementsprechenden Anreiz darstellen.
Verändert man seine Körpersprache, gewisse Gewohnheiten und Handlungsweisen diesbezüglich, durchbricht man den OOAD-Loop des Täters bereits in der Observationsphase, es kommt erst gar nicht zur Orientierungsphase.
Die Orientierungsphase setzt dann ein, wenn man bereits vom Täter als mögliches Opfer erkannt wurde, was sich aus dessen Observationen ergeben hat.
Nun wird sich der Täter daran machen, die Daten, welche aus der Observation gewonnen wurden zu analysieren, und sie mit bereits gemachten Erfahrungen (frühere Überfälle) zu vergleichen.
Auch hier lässt sich der OOAD-Loop des Täters durchbrechen, wenn man z.B. durch die oben erwähnte Aufmerksamkeitsstufe (Kode-Gelb) auf den Täter aufmerksam wurde und man sein Verhalten der Situation dementsprechend anpasst. Dies kann durch einen Plötzlichen Richtungswechsel oder den Wechsel zur anderen Straßenseite geschehen oder durch das Betreten eines Geschäftsbereiches. Trägt man eine Schusswaffe, wäre es z.B. eine Möglichkeit, sich kurz die Hose zurecht zu ziehen und dabei beiläufig (wie zufällig) kurz Teile der Waffe zu präsentieren.
Nimmt der Täter diese nonverbale Warnung wahr, wird er mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit von seinem Vorhaben ablassen.
Auf jeden Fall wird der Täter danach in die Entscheidungsphase fallen. Er wird darüber entscheiden, sein Vorhaben in die Tat umzusetzen, oder nicht.
Hat er sich für die Tat entschieden, sollte man sich spätestens jetzt in Kode-Orange befinden und dementsprechend handeln. Entscheidet er sich zur Straftat, kommt danach die Phase des Agierens, er wird versuchen seine Absicht zu verwirklichen. Hat man bis zu diesem Punkt nichts unternommen um der Situation zu entgehen, hat man vorher einige kapitale Fehler begangen und muss hier nun meistens mit Gewalt, Aufgabe oder Flucht reagieren, man befindet sich jetzt deutlich in der Phase des Kode-Rot. Heftige Gegenwehr z.B. verursacht, dass der Täter wieder in die Observations-, bzw. Orientierungsphase zurückfällt und der Loop beginnt von vorne.

Wesentlich detailreicher werden diese Themen jedoch in den LUNA-Seminaren und Workshops behandelt.
Keep save and act straight.
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